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Die 51. Biennale in Venedig, Johanna Schwanberg, Die Furche, Austria (Juni 2005) |
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Die 51. Biennale in Venedig: Wohin steuert die bildende Kunst?
Von Johanna Schwanberg In einer
Barockkirche entspannt liegen und sich in paradiesische Welten wegträumen,
das hat sich schon so mancher Kirchen-Besucher gewünscht. Die Schweizer
Künstlerin Pipilotti Rist, Shootingstar der Biennale 1997, macht
dies im Zuge der heurigen Kunstschau in Venedig möglich. Rist zeigt
in der hochbarocken, verdunkelten Kirche San Staë am Canal Grande
das Video Homo sapiens sapiens, das auf die gesamte Fläche
des Gewölbes über dem Kirchenschiff projiziert wird. Die bunten
Matratzen in Form von Zungen sind alle besetzt. Kleinkinder, ältere
Leute und junge Paare ruhen darauf und betrachten mehr oder weniger aufmerksam
die surrealen Filmsequenzen, die von üppiger, Emotion
und Phantasie
An Homo sapiens sapiens zeigt sich ein weiteres Phänomen der heurigen Biennale. Während Kritiker und Kunstinsider sich bereits im Zuge der Eröffnung den Mund zerrissen haben, genießen die weniger Eingeweihten den Event-Charakter der Ausstellung und lassen sich begeistert mit dem hyperrealistischen Nilpferd von Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla, dem überbauten und als Bergmassiv gestalteten Pavillon von Hans Schabus oder der Plastiksack-Installation von Pascale Marthine Tayou fotografieren. Als weibliche Kunstkritikerin müsste man diese Biennale eigentlich schon aus Prinzip loben. Schließlich haben erstmals in der 110-jährigen Geschichte der beliebtesten und ältesten aller Kunstschauen zwei Frauen die Leitung übernommen. Die beiden Spanierinnen María de Corral und Rosa Martínez stellen in den von ihnen kuratierten Ausstellungen im Arsenale und im italienischen Pavillon auch mehr weibliche Kunstschaffende aus, als dies jemals davor der Fall war. Genauso erfreulich ist die Tatsache, dass versucht wurde, viele Kunstschaffende aus Afrika, Lateinamerika und Asien einzubeziehen. Dies ändert aber nichts daran, dass die gesamte Ausbeute eher schmal ausfällt vor allem, wenn man die beiden ungemein komplexen und vielfältigen von Harald Szeemann ausgerichteten Biennalen 1999 und 2001 noch lebhaft in Erinnerung hat.
mit
wenig Erkenntniswert Always a Little Further nennt Rosa Martínez ihre Präsentation von Gegenwartskunst im Arsenale. Angenehm fällt zunächst die Reduktion auf. Hatte Francesco Bonami in denselben Räumlichkeiten vor zwei Jahren noch über 400 Künstler, ausgewählt von elf Kuratoren, präsentiert, so teilen sich diesmal lediglich 49 Kunstschaffende die phantastischen Räumlichkeiten der ehemaligen Seilereien. Während es zu Beginn der Schau mit macho-kritischen Plakaten der Guerilla Girls und einem peinlichen Luster aus Tampons von Joana Vasconcelos feministisch beginnt, wird es im Laufe der Schau zunehmend unpolitischer. Malerei, Zeichnung und Fotografie fehlen nahezu gänzlich. Dafür kann man als Besucher in der Rauminstallation der Gruppe The Centre of Attention seine eigene Beerdigung inszenieren oder sich in einem Ufo von Mariko Mori in psychedelische Welten begeben. In Erinnerung bleiben da schon stärker die Videoinstallation A Needle Woman der Koreanerin Kimsooja oder das preisgekrönte Video der Guatemaltekin Regina José Galindo, in dem es um die Rekonstruktion des Jungfernhäutchens geht. Ästhetisch ansprechend und inhaltlich überzeugend ist eine Recycling-Arbeit in Form von unzähligen, an ein Netz gehängten Plastiksäcken. Subtil hat der Kameruner Künstler Pascale Marthine Tayou am Ufer der ehemaligen Hafenanlage ein farbenfrohes Statement gegen die Auswirkungen der Konsumgesellschaft und die Umweltverschmutzung geliefert. 42 Positionen
aus 40 Jahren Die großen Überraschungen fehlen auch in den Länderpavillons. Großbritannien und die USA haben mit Gilbert & George und Ed Ruscha Altmeister ausgegraben. Frankreich setzte ebenfalls erfolgreich auf eine etablierte Größe: Die 62-jährige Annette Messager holte mit ihrer mehrere Räume umfassenden Kindheitsträume-Installation den Goldenen Löwen für den besten Pavillon. Wagemutiger präsentieren sich Deutschland und Rumänien. Im deutschen Pavillon bringt Tino Sehgal so manche Tendenz der Kunstentwicklung ironisch auf den Punkt. Zugleich versteht sich seine immaterielle Arbeit als Kapitalismuskritik. Anstelle von Werken lässt Sehgal drei geschulte Wärter um die erstaunten Besucher mit den Worten This is so Contemporary herumtänzeln. Der rumänische Pavillon bleibt überhaupt unbespielt und wirkt wie ein verfallenes Gebäude als Anspielung darauf, dass sich die Welt von Rumänien ohnehin nichts anderes erwarte. Auffallend
positiv wie auch bereits bei den letzen Biennalen erscheinen
die russischen Beiträge. In einer interaktiven Installation der Gruppe
the ESCAPE program bewegen sich die Künstler in einer
Digitalbilder-Animation proportional zur Anzahl der eintretenden Besucher
auf einen zu bis sie bei zu großer Nähe tot
umfallen. Österreich
in Venedig Im Zuge von Superkunstschauen wie der Biennale stellt sich stets die Frage nach der weiteren Entwicklung der Kunst. Auffällig war, dass selbst Künstler nach der Eröffnung von dem Event-Charakter übersättigt waren. Und so mancher sprach davon, für seine nächste Ausstellung wieder zum Zeichenstift zu greifen. Insofern mag der Titel von Martínez Arsenale-Ausstellung Immer ein Stück weiter Gegenteiliges bewirkt haben. Ein Schritt zurück hat im Laufe der Kunstgeschichte allerdings schon öfters einen Schritt nach vorne bedeutet. |
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