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Bieler Tagblatt (25.06.2005, Switzerland), Ressort Kultur

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Bieler Tagblatt


Weibliche Handschrift?

Ist die 51. Biennale in Venedig weiblich? Das erste Mal kuratieren zwei Frauen die internationalen Ausstellungen.

azw. Garantieren Frauen an der Spitze von Veranstaltungen fraubewusste Konzepte? An der Documenta in Kassel vor sieben Jahren, mit Catherine David als Direktorin, war dies nicht der Fall. Jetzt in Venedig aber sehr wohl. Sowohl Maria de Corrals und Rosa Martinez setzen in ihrer Auswahl auf die Gleichzeitigkeit von Kopf und Körper. Zu Lasten von Theoretischem und Konzeptionellem. Soziale, gesellschaftliche Themen sind zahlreicher als visionäre Utopien und kritische Recherchen. Sie fehlen nicht - Rem Kohlhaas Untersuchungen zu Kunst, Markt und Museen sind ein Beispiel.

Mehr unter die Haut gehen aber Arbeiten wie jene der Koreanerin Kimsooja (geb. 1957), die sich in die Strassen von Weltstädten stellte und die Kamera die Reaktionen der Menschen aufnehmen liess.
Mit dem Thema des Ähnlichen spielt auch die Palästinenserin Emily Jacir (geb. 1970), wenn sie in zwei Coiffeur-Salons filmt, einmal in Ramallah, einmal in New York. Die Südafrikanerin Candice Breitz (geb. 1972) greift es ebenfalls auf - ganz anders allerdings - sie lässt Schauspielerinnen und Schauspieler in Filmrollen als Mütter und Väter um ihre Kinder streiten - mit den Mitteln des Filmschnittes dramaturgisch gesteigert.

Lebensnähe

Raffiniert setzt auch die in London lebende Runa Islam (geb. in Bangladesh 1970) das Medium Film ein. Wie sie verlangsamt bürgerliches Porzellan über die Tischkante schubst und in Brüche gehen lässt, ist choreographisch und inhaltlich faszinierend.
«Always a little further» ist die frechere der beiden Themen-Ausstellungen. Das beginnt schon am Anfang mit dem «venezianischen» Lüster von Joana Vasconcelos (geb. 1971), konstruiert aus 14 000 Tampons. Der viele Männer zum Fotografieren verführt. Rosa Martinez präsentiert nicht nur junge Kunst, da gibt es auch die art brut-artig dekonstruierten Selbstporträts der Türkin Semiha Berskoy (1910-2004), die bisher kaum bekannt waren.
Maria de Corrals zeigt eher bekannte Namen in überraschenden Kontexten, zum Beispiel Willliam Kentridge (Südafrika), der mit seinen animierten Zeichnungen den Trickfilm revolutioniert hat und sich nun quasi selbst zum «animierten Objekt» macht. Oder - eindrücklich - eine Reihe gemalter Toten-Porträts von Marlène Dumas.
Der rote Faden ist die Lebensnähe, die gelebte Erfahrung oder Vorstellung davon. Wie sich darin Humor und deutlich mehr verbinden kann, zeigt das Angebot des «Center of Attention», das unter dem Titel «Schwanengesang» für alle Interessierten das Musikstück spielt, welche diese an ihrem Begräbnis hören möchten - in einer Modellsituation!