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Lebenswendepunkt-Gefühl oder scheintot nach dem Rosenpudding in Die TagesZeitung (13 November 2006)

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istanbul, europäische außenstelle


Lebenswendepunkt-Gefühl oder scheintot nach dem Rosenpudding


Fremdsein ist existenziell. Als weiblicher Neuankömmling in Istanbul übt man nachts den leisen Tritt und wischt den Lippenstift ab


Wegsein, Fremdsein, das ist immer eine existenzielle Sache. Irgendwie nackt und ungeschützt fühlt man sich - als weiblicher Neuankömmling auf Istanbuls Straßen versucht man nachts den leisen Tritt und wischt den Lippenstift ab. Trotzdem hört man ganz schnell ganz viele Geschichten von aufgeschlitzten Taschen und Messern an Hälsen, und jeder Taxifahrer will einem für umsonst ganztägige Bosporusumrundungen kredenzen.

Also sucht man sich ein wenig puddingbeinig seine Wege. Die wortwörtlich verstandene türkische Umsetzung von "Bürgersteig" tut das ihrige dazu: Man klettert eher, als dass man zügig voranschritte. Obwohl ich finde, eine mündige Bürgerin sollte ihren Kopf für anderes frei haben als für abrupt 50 Zentimeter hoch aufragende Bordsteine und Löcher im Pflaster, die an Meteoriteneinschlag denken lassen.

Zusätzlich will ja dann noch die sich ständig harsch ändernde Psychogeografie des Istanbuler Stadtraums kognitiv verarbeitet sein: Auf der Istiklal-Straße, der Einkaufs-, Ausgeh- und Flaniermeile von Beyoglu, schieben sich Tag und Nacht junge Leute unter 35 - also 65 Prozent aller Türken - hin und her, wobei sie die neuesten Markenerzeugnisse an den Leibern ihrer jeweiligen Gegenüber begutachten. Biegt man in eine Seitenstraße ab, geht es steil hinunter, und schon nach 50 Metern ist kein Mensch mehr zu sehen. Nur noch Wäsche über der Gasse, dreckige Katzen, schläfrige Köter. Anschließend kommen diese zahllosen Männercafés, es riecht nach Wasserpfeife und Sellerie, die Häuser sind baufällig, Kinder kauern in den Eingängen und tragen Third-Hand. Schon aber geht es wieder bergauf, die Häuser sind neu gestrichen, teure Weine suchen Kunden und die ersten Adidas-Sportjacken tauchen auf, meist an Designern mit überdimensionierten schwarzen Mappen in der Hand.

Ernährungstechnisch sind die Verarbeitungsanforderungen nicht weniger komplex. Da der weiße Bröckelkäse und die Oliven zum Frühstück beim besten Willen nicht tagtäglich hinuntergehen, stopfe ich mir seit neuestem morgens Nestlé-Müsli in den Hals. Danach sollen sie dann ruhig kommen, die immergleichen Köfte, gefüllten Paprika, Linsensuppen und Reisberge mit Joghurt drauf. Auch ein Rosenwasserpudding geht dann noch.

Wenn nicht: Ab in den sich gerade highspeedmäßig gentrifizierenden Stadtteil Cihangir. Überall haben die Cafés hier Wireless, Latte Macchiato, Pastagerichte und magenfreundliche Kräutertees im Angebot. In den Cafés sitzen Schauspielerinnen, die auf Engagements in TV-Serien hoffen und nebenbei so tun, als läsen sie die linksliberale Tagespresse. Eigentlich aber schielen sie in die neue Vogue. Wenn einem deren paranoides Gewäsch über ihr Putzpersonal, das nichts anderes im Sinn hat, als den riesenhaften Flatscreen-Fernseher zu stibitzen, zu viel wird, bleibt einem noch das ganze internationale Gemüse: Erasmus-Studierende, Doktorarbeiten über die Urbanisierung Istanbuls Schreibende, Künstler auf Künstler-Austausch, Journalisten auf Journalisten-Austausch. Manchmal trifft man sogar französische Filmregisseure, die behaupten, schon Mitglied der Berlinale-Jury gewesen zu sein. Das bestätigt die anschließende Google-Recherche dann allerdings meist nicht.

Bei so viel Grundstürzendem passt es gut, sich zwischendurch mal kurz im "Istanbul Modern" tot zu stellen. In der Ausstellung "Venedik - Istanbul", die eine Auswahl der letztjährigen Venedig-Biennale nach Istanbul überstellt hat, gibt es eine Arbeit der Künstlergruppe "The Centre of Attention": ein Lilienbouquet, verschiedene Trauermusiken zur Auswahl und einen weißen Kubus, auf dem man seine eigene Beerdigung imaginieren soll. Ich wähle Simon and Garfunkels "The Sound of Silence" und imaginiere so vor mich hin. Gerade, als sich tatsächlich ein Lebenswendepunkt-Gefühl einstellen will, kommt der Museumsfotograf und fotografiert mich, wie ich so scheintot daliege. Fürs Archiv und vielleicht für die Website. Als ich danach unter dem Soundteppich des die ganze Stadt dreimal täglich überziehenden Muezzin-Gejaules davonstapfe, bin ich mir immerhin sicher, in Istanbul schon etwas für die Ewigkeit getan zu haben.

KIRSTEN RIESSELMANN

taz Nr. 8124 vom 13.11.2006, Seite 16, 141 Kommentar KIRSTEN RIESSELMANN, Kolumne

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