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The Centre of Attention: Swansong, 2005, Aktion, Biennale Venedig
Biennale Venezia 2005: mitten auf einem weiß getünchten Sockel
liegt, mitten in der Ausstellung, ein menschlicher Körper, reglos.
Süßliche, getragene Musik ertönt, und unmerklich hat sich
um die Kerzen und weißen Blumen umgebene Aufbahrung eine kleine
Gruppe Schaulustiger gebildet, gemessenen Abstand haltend. Noch jung scheint
das Wesen zu sein, das dort im Mittelpunkt beklommenen Schweigens ruht,
und mitten aus dem Leben gerissen: Schuhe stehen, wie gerade erst abgestellt,
noch vor dem Sockel. Das Ausstellungspublikum, ansonsten durchaus Unverträgliches
und überhaupt auch emotionale Wechselbäder gewöhnt, weiß
dann doch mit dieser feierlichen und statischen Situation nicht recht
umzugehen. Nachdem es ausgiebig aus einiger Distanz die von einem Lichtkegel
feierlich beleuchtete, mit einem langen weißen Gewand bekleidete
Figur liegen gesehen hat und sich nichts ereignet hat außer der
weihevollen Musik, zieht es weiter, gemessenen Schrittes und mit gesenkter
Stimme die unterbrochene Konversation wieder aufnehmend. Erst die nächsten
Besucher, die inzwischen ihres Wegs durch die Ausstellung gekommen sind,
werden Zeuge einer Veränderung. Die Musik hat aufgehört zu spielen.
Die Gestalt auf der sockelartigen Bahre erhebt sich langsam, fast etwas
benommen von der ungewohnten, intensiven Ruhe, schlüpft in die Schuhe
zurück und geht ruhigen Schrittes zu einem Tisch mit einem jungen
Mann, der einen kleinen Computer bedient. "Thank You, Gary, it was
quite an experience." Margerita Rodriguez hatte sich die Themenausstellung
"Always a little further" ansehen wollen. Gary hatte ihrem Wunsch
gemäß die getragene Melodie aus dem Internet besorgt, bevor
sich Margerita auf die Bahre legte und so statuarisch ruhig wurde. Den
Wechsel von der Ausstellungsbesucherin zur betrachteten Performerin hatte
sie kaum wahrgenommen. Die Augen geschlossen, hatte sie sich nicht auf
das Publikum konzentriert, sondern auf die Musik, die sie ausgewählt
hatte, um sie als eigenes Requiem hören zu können. "The
Centre of Attention" heißt die Künstlergruppe (Benedict
Carpenter, Wolfgang Tillmans, The House of O'Dwyer und Damien Roach) ,
die diesen Service anbietet und die rund um die Uhr während der Ausstellung
vor Ort ist. Auch mein Wunsch kann erfüllt werden. Obschon ich eher
normale Kleidung trage - wie irgend ein anderer Besucher der Biennale
-, traue ich mir zu, eine melancholische Chopin-Etüde auszuwählen.
Als die Melodie ertönt, liege ich schon auf der Bahre. Wahrscheinlich
schaut das Publikum jetzt auf mich, stelle ich mir vor, und ich wirke
weniger tot, eher wie bei einer Siesta. Nach meiner Performance - denn
eine solche ist es doch wohl gewesen - erhalte ich ein kleines Zertifikat,
werde mit Namen und Musikwunsch erfasst und gespeichert. Aufgenommen hat
mich wohl keiner und gekannt auch niemand. Die Vokabel "unbekannter
Ausstellungsbesucher" geht mir durch den Kopf. "Swansong"
- den Titel haben die Künstler der Arbeit gegeben und - wohl aufgrund
einer früheren Aufführung im Frankfurter Mousonturm - auch auf
deutsch "Schwanengesang". Später sehe ich auf der Homepage
nach: eine ganze Reihe der Performer sind zu sehen, Eltern mit Kindern,
Freundinnen, Menschen, die die Krücken an das Piedestal angelehnt
haben oder ihre Wasserflasche gleich mit in den Lichtkegel gestellt. Und
eine handschriftliche Liste der gespielten Lieder findet sich, eine Hitparade
eingängiger Musik, meistens Pop, aber vorwiegend getragene Weisen.
Offensichtlich thematisiert the Centre of Attention und speziell the House
of O'Dwyer den Betrachter und seine Reaktionen häufiger: eine umfangreiche
Aktion mit dem Titel "on demand" während zweier Monate
2005 in London bot die Möglichkeit an, Kunst und Künstler ins
Haus zu holen . Die Diskussionen um die präsentierten Werke oder
Aktionen dokumentiert die Homepage.
1 <http://www.thecentreofattention.org> "...
is curated by Pierre Coinde and Gary O'Dwyer. Its experimental approach
stems from an ongoing enquiry into the phenomenon of art production, presentation,
consumption and heritage-ization."
2 <http://www.thecentreofattention.org/exhibitions/ondemand.html>
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