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DAS NETZMAGAZIN (N 134, August 05, Switzerland)

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Arsenale: Wohldosiert, Nicht politisch, Kein Chaos

Von Selma Käppeli.

Rosa Martínez ist also für die Ausstellung mit dem Titel "Always A Little Further" (Sempre un pò più lontano / Immer etwas ferner) verantwortlich. Den Titel hat sie einem Buch von Hugo Pratt, dem venezianischen Schriftsteller und Comiczeichner, entnommen. Der Protagonist der Erzählung ist Corto Maltese, dessen Figur, laut Martínez, zum Mythos der Unabhängigkeit stilisiert worden ist: "Er stellt nämlich den romantischen und unabhängigen Reisenden dar, der dem Schicksal nicht entweicht und jedes Risiko eingeht, der alle möglichen Grenzen überschreitet, um der eigenen Zukunft Herr zu werden." Eine erfundene Romanfigur steht der Ausstellung Pate. Damit liegt der Schluss nahe, dass der Kunst der Status der Konstruktion und Fiktionalität zugeschrieben wird, und dass man die Realität mit Hilfe der Phantasie verstehen kann/soll/muss. Kunst sei, Martínez' Verständnis, ein Kampf innerhalb symbolischer Wirklichkeiten, wobei jene Künstler die bedeutendsten sind, "welche durch ihre Schöpfungen neue Wege der sprachlichen, sozialen und ideologischen Transformation bahnen." Das klingt indes sehr nach Aufbruch, Revolution, Grenzüberschreitung und Futurismus. Doch Grenzüberschreitungen, Tabubrüche sind in der heutigen (westlichen) Gesellschaft kaum mehr ein Reizthema. Deswegen hat die Kuratorin auch mehrheitlich KünstlerInnen eingeladen, die jenseits dieser Epizentren beheimatet sind (d.h. die Künstler stammen vornehmlich aus Asien, Afrika und Südamerika, ob sie heute noch dort leben und arbeiten steht auf einem anderen Blatt).

Tampon-Kunst und Guerrilla Girls
Gleich in der ersten Halle wird der Besucher von einem Kronleuchter empfangen; einem aus 14'000 Tampons (unbenutzt). Die Künstlerin Joana Vasconcelos aus Portugal hat sie zusammengestrickt und als Kronleuchter inszeniert. Wird der Feminismus wiederbelebt? Oder ist es die bloße Erinnerung an die Grenzüberschreitung der Frau? Wahrscheinlich ist es so gedacht, denn anschließend kommen die Guerrilla Girls. 1985 haben sich Künstlerinnen, Filmemacherinnen, Schriftstellerinnen unter dem Namen Guerrilla Girls zusammengeschlossen mit dem Ziel "reinventing the "f" word: feminism!". Seitdem machen die Gorilla-Frauen mit Plakaten, Filmen, Videos oder kommerzieller Werbung auf die desaströse Situation weiblicher Kunstschaffenden aufmerksam. An der Biennale sind sie mit sechs Plakaten vertreten, die die amerikanische politische Situation anklagen, Zustände an der Biennale als Kunstinstitution an sich aufgreifen oder sie fragen nach dem anatomisch korrekten Oscar Gewinner. Auf einem leuchtend gelben Plakat ist eine nackte Frau zu sehen, die einem mit der zähnefletschenden Gorillamaske entgegenblickt. Daneben steht, dass im MoMa (Metropolitan Museum of Art, New York) lediglich 3% der Künstler weiblich seien, und dass sagenhafte 85% der gezeigten Frauen nackt seien. Das hat sich Rosa Martínez zu Herzen genommen: Im Arsenale halten sich weibliche und männliche Künstler (fast) die Waage.

Hinduistische Rituale
Das alte Gemäuer des Arsenale ist in aufeinanderfolgende Räume unterteilt, der Besucher ist also gezwungen, diesem linearen Weg brav zu folgen. Nachdem man sich mit ein paar Videos, Fotos, Malerei und Zeichnung fehlen fast gänzlich, vom Kronleuchter - Schreck erholt hat, sieht sich der Besucher urplötzlich in eine ferne Welt versetzt. Er wird mitgenommen in die Welt der Hindus, befindet sich unter ihnen und begrüßt den Frühling. Stephen Dean, 1968 in Paris geboren und jetzt in New York lebend, präsentiert die Videoinstallation "Pulse" (2001). Das traditionelle Fest "Holi" (Fest der Farben) wird im Norden Indiens zum Frühlingsanfang gefeiert. In ausgelassener Stimmung wird getanzt und mit Farbpulver umhergeschmissen. Die sonst streng gelebten Kasten werden aufgehoben und Geschlechterhierarchien durchbrochen, die Menschen schmücken sich, malen sich an und weiden sich an der Farbe. In diesem Video ist Farbe kein dekoratives oder oberflächliches Element, sondern wird mit Bedeutung aufgeladen. Ein Gemälde, das sich bewegt.

Der Faktor Event
Der Event - Charakter wird anscheinend immer größer geschrieben; Besuchern, die nicht ganz eingeweiht sind in die Mysterien der Gegenwartskunst wird einiges geboten und der Erkenntniswert droht zu schwinden: So freut man sich über das riesige Hippo des Künstlerpaares Jennifer Allora und Guiellermo Calzadilla. Die Skulptur "Hope Hippo" ist aus Schlamm gemacht und nicht wenige Besucher lassen sich vor dem hyperrealistischen Nilpferdchen fotografieren.
Später wird, jedenfalls mir, der Horizont erweitert: Ich darf meine eigene Beerdigung inszenieren. Toll, wollte ich schon immer. Die Gruppe "The Centre of Attention" lässt mich mein Beerdigungslied aussuchen, ich darf mich hinlegen und "fiktional" mit viel Pathos sterben. Bei der Japanerin Mariko Mori lasse ich dann meine Hirnströme messen, die dann in einem riesigen UFO visualisiert werden (Wave UFO, 1999-2002).

Nadeln und Plastik
"The Needle Woman" regt schon mehr zum Denken an. Die mehrkanalige Videoprojektion der koreanischen Künstlerin Mariko Mori zeigt eine Frau (die Künstlerin) in Rückenansicht, wie sie inmitten einer Menschenmenge steht und sie an sich vorbeifliessen lässt. Von Zeit zu Zeit taucht sie in der Menge unter, verschwindet, wird wieder sichtbar, derweil die Zeit stoppt. Niemand scheint Notiz zu nehmen von dieser Frau, die da steht und die Menge teilt. Die unendliche Leere wirkt bedrückend, und "füllt" langsam den Betrachter.
Genauso ästhetisch und inhaltlich bestechend auf den Punkt gebracht ist die Installation eines Kameruner Künstlers. Am Ufer, unterhalb der Hafenanlage, hat Pascale Marthine Tayou unzählige Plastiksäcke, an einem Zaun befestigt, aufgehängt. Damit setzt er ein blau-weiss-rot-gelbes wehendes Statement gegen Konsumgesellschaft, Umweltverschmutzung und Auswirkungen der Globalisierung. Zwar rangiert die Installation auf dem Event - Charakter - Gradmesser relativ weit oben, doch wenigstens überzeugt die Arbeit!
Zum Abschluss nun aber noch etwas wirklich herziges: Zwei Boote ankern einander zugewandt, auf ihnen sind zwei Schienwerfer befestigt, die sich anstrahlen. Der Titel der Installation: "Die Liebenden". Wie schön! (Laura Belém, Enamorados/ In Love, 2005).