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Arsenale:
Wohldosiert, Nicht politisch, Kein Chaos
Von Selma
Käppeli.
Rosa Martínez
ist also für die Ausstellung mit dem Titel "Always A Little
Further" (Sempre un pò più lontano / Immer etwas ferner)
verantwortlich. Den Titel hat sie einem Buch von Hugo Pratt, dem venezianischen
Schriftsteller und Comiczeichner, entnommen. Der Protagonist der Erzählung
ist Corto Maltese, dessen Figur, laut Martínez, zum Mythos der
Unabhängigkeit stilisiert worden ist: "Er stellt nämlich
den romantischen und unabhängigen Reisenden dar, der dem Schicksal
nicht entweicht und jedes Risiko eingeht, der alle möglichen Grenzen
überschreitet, um der eigenen Zukunft Herr zu werden." Eine
erfundene Romanfigur steht der Ausstellung Pate. Damit liegt der Schluss
nahe, dass der Kunst der Status der Konstruktion und Fiktionalität
zugeschrieben wird, und dass man die Realität mit Hilfe der Phantasie
verstehen kann/soll/muss. Kunst sei, Martínez' Verständnis,
ein Kampf innerhalb symbolischer Wirklichkeiten, wobei jene Künstler
die bedeutendsten sind, "welche durch ihre Schöpfungen neue
Wege der sprachlichen, sozialen und ideologischen Transformation bahnen."
Das klingt indes sehr nach Aufbruch, Revolution, Grenzüberschreitung
und Futurismus. Doch Grenzüberschreitungen, Tabubrüche sind
in der heutigen (westlichen) Gesellschaft kaum mehr ein Reizthema. Deswegen
hat die Kuratorin auch mehrheitlich KünstlerInnen eingeladen, die
jenseits dieser Epizentren beheimatet sind (d.h. die Künstler stammen
vornehmlich aus Asien, Afrika und Südamerika, ob sie heute noch dort
leben und arbeiten steht auf einem anderen Blatt).
Tampon-Kunst
und Guerrilla Girls
Gleich in der ersten Halle wird der Besucher von einem Kronleuchter empfangen;
einem aus 14'000 Tampons (unbenutzt). Die Künstlerin Joana Vasconcelos
aus Portugal hat sie zusammengestrickt und als Kronleuchter inszeniert.
Wird der Feminismus wiederbelebt? Oder ist es die bloße Erinnerung
an die Grenzüberschreitung der Frau? Wahrscheinlich ist es so gedacht,
denn anschließend kommen die Guerrilla Girls. 1985 haben sich Künstlerinnen,
Filmemacherinnen, Schriftstellerinnen unter dem Namen Guerrilla Girls
zusammengeschlossen mit dem Ziel "reinventing the "f" word:
feminism!". Seitdem machen die Gorilla-Frauen mit Plakaten, Filmen,
Videos oder kommerzieller Werbung auf die desaströse Situation weiblicher
Kunstschaffenden aufmerksam. An der Biennale sind sie mit sechs Plakaten
vertreten, die die amerikanische politische Situation anklagen, Zustände
an der Biennale als Kunstinstitution an sich aufgreifen oder sie fragen
nach dem anatomisch korrekten Oscar Gewinner. Auf einem leuchtend gelben
Plakat ist eine nackte Frau zu sehen, die einem mit der zähnefletschenden
Gorillamaske entgegenblickt. Daneben steht, dass im MoMa (Metropolitan
Museum of Art, New York) lediglich 3% der Künstler weiblich seien,
und dass sagenhafte 85% der gezeigten Frauen nackt seien. Das hat sich
Rosa Martínez zu Herzen genommen: Im Arsenale halten sich weibliche
und männliche Künstler (fast) die Waage.
Hinduistische
Rituale
Das alte Gemäuer des Arsenale ist in aufeinanderfolgende Räume
unterteilt, der Besucher ist also gezwungen, diesem linearen Weg brav
zu folgen. Nachdem man sich mit ein paar Videos, Fotos, Malerei und Zeichnung
fehlen fast gänzlich, vom Kronleuchter - Schreck erholt hat, sieht
sich der Besucher urplötzlich in eine ferne Welt versetzt. Er wird
mitgenommen in die Welt der Hindus, befindet sich unter ihnen und begrüßt
den Frühling. Stephen Dean, 1968 in Paris geboren und jetzt in New
York lebend, präsentiert die Videoinstallation "Pulse"
(2001). Das traditionelle Fest "Holi" (Fest der Farben) wird
im Norden Indiens zum Frühlingsanfang gefeiert. In ausgelassener
Stimmung wird getanzt und mit Farbpulver umhergeschmissen. Die sonst streng
gelebten Kasten werden aufgehoben und Geschlechterhierarchien durchbrochen,
die Menschen schmücken sich, malen sich an und weiden sich an der
Farbe. In diesem Video ist Farbe kein dekoratives oder oberflächliches
Element, sondern wird mit Bedeutung aufgeladen. Ein Gemälde, das
sich bewegt.
Der Faktor
Event
Der Event - Charakter wird anscheinend immer größer geschrieben;
Besuchern, die nicht ganz eingeweiht sind in die Mysterien der Gegenwartskunst
wird einiges geboten und der Erkenntniswert droht zu schwinden: So freut
man sich über das riesige Hippo des Künstlerpaares Jennifer
Allora und Guiellermo Calzadilla. Die Skulptur "Hope Hippo"
ist aus Schlamm gemacht und nicht wenige Besucher lassen sich vor dem
hyperrealistischen Nilpferdchen fotografieren.
Später wird, jedenfalls mir, der Horizont erweitert: Ich darf meine
eigene Beerdigung inszenieren. Toll, wollte ich schon immer. Die Gruppe
"The Centre of Attention" lässt mich mein Beerdigungslied
aussuchen, ich darf mich hinlegen und "fiktional" mit viel Pathos
sterben. Bei der Japanerin Mariko Mori lasse ich dann meine Hirnströme
messen, die dann in einem riesigen UFO visualisiert werden (Wave UFO,
1999-2002).
Nadeln
und Plastik
"The Needle Woman" regt schon mehr zum Denken an. Die mehrkanalige
Videoprojektion der koreanischen Künstlerin Mariko Mori zeigt eine
Frau (die Künstlerin) in Rückenansicht, wie sie inmitten einer
Menschenmenge steht und sie an sich vorbeifliessen lässt. Von Zeit
zu Zeit taucht sie in der Menge unter, verschwindet, wird wieder sichtbar,
derweil die Zeit stoppt. Niemand scheint Notiz zu nehmen von dieser Frau,
die da steht und die Menge teilt. Die unendliche Leere wirkt bedrückend,
und "füllt" langsam den Betrachter.
Genauso ästhetisch und inhaltlich bestechend auf den Punkt gebracht
ist die Installation eines Kameruner Künstlers. Am Ufer, unterhalb
der Hafenanlage, hat Pascale Marthine Tayou unzählige Plastiksäcke,
an einem Zaun befestigt, aufgehängt. Damit setzt er ein blau-weiss-rot-gelbes
wehendes Statement gegen Konsumgesellschaft, Umweltverschmutzung und Auswirkungen
der Globalisierung. Zwar rangiert die Installation auf dem Event - Charakter
- Gradmesser relativ weit oben, doch wenigstens überzeugt die Arbeit!
Zum Abschluss nun aber noch etwas wirklich herziges: Zwei Boote ankern
einander zugewandt, auf ihnen sind zwei Schienwerfer befestigt, die sich
anstrahlen. Der Titel der Installation: "Die Liebenden". Wie
schön! (Laura Belém, Enamorados/ In Love, 2005).
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