the centre of attention
Süddeutsche Zeitung, 15 May 2002
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Schimpanse, Callgirl, Marilyn: Eine Ausstellung in London dreht die Queen durch den Reißwolf der Anti-Establishment-Art

   
Der junge Mann von der Sunday Times wirkt in seiner sauber gebügelten Khakihose vor den schäbigen Wänden etwas verloren. Eine gute Stunde hat er bereits in der winzigen Galerie 'The Centre of Attention' in London-Shoreditch verbracht, die 14 Exponate lange betrachtet, die Kuratoren befragt, eifrig Notizen gemacht. Was ihm noch fehlt, ist ein Besucher-O-Ton. Doch die Galerie bleibt leer. In seiner Not bittet er den Reporter der Süddeutschen Zeitung um eine Stellungnahme. 'Aber ist das nicht ein bisschen blöd? Ich bin doch Deutscher '­ 'Egal. Ich brauche nur eine Zeile.'
 
   
   
 
 
» Wenn Punk heute aufkäme, würde nächste Woche eine Heimwerkerkette damit werben. «
      
 
 
Die Ausstellung 'Viva La Republique! Pagan images of the last Queen of the British Isles'feiert das 50-jährige Thronjubiläum von Königin Elizabeth II. mit “Anti-Establishment-Art³ (Kurator Pierre-Alexandre Coinde), die den Kopf der Königin in guter alter Punk-Manier beschwingt durch den situationistischen Reißwolf dreht. Eine nette Postkarte, die Genesis P-Orridge 1974 eine Anklage wegen der Verbreitung von Pornographie einbrachte, ist ebenso zu sehen wie ein neueres Werk des Ex-Kopfes von Psychic TV: die Queen als Collage aus den Bestandteilen eines typisch englischen Frühstücks. Brian Jones verwandelt Lizzy in Warhols Marilyn, Banksy malt sie als Schimpansen, Tom Flitcroft sieht sie als Callgirl, in einer Computeranimation von Tai Shani wird sie von Motten zerfressen. Jamie Reid, der als Art Director für die Sex Pistols dem Staatsoberhaupt einst die Sicherheitsnadel durch die Nase zog, fällt auch noch mal über sein Lieblingsopfer her.

Dass hier praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelacht wird, liegt wohl weniger an Qualität der Exponate als an dem Thema an sich. Das Thronjubiläum vermag das Vereinigte Königreich nicht zu begeistern, die Apathie gegenüber den Royals ist einfach zu groß. Seit anderthalb Jahren klagt der Guardian nun schon vor Gericht gegen den Treason Felony Act von 1848, der die schriftliche Forderung nach der Abschaffung der Monarchie unter Strafe stellt; außer der eigenen Rechtsabteilung interessiert sich kaum jemand für den Fall. 100000 Straßenfeste hatte es 1976 zu Ehren von Elizabeth gegeben, heute wäre man schon froh, wenn ein Zehntel davon zusammenkommt. Vorsichtshalber plant man die Party selbst: Am 3. Juni werden die Ritter Elton John, George Martin and Paul McCartney vor 14000 Gästen im Garten des Buckingham Palace spielen, der Rest der Nation wird nichts verpassen.
   
 
   
 
 
» Man predigt zu den Bekehrten. «
      
 
 
 
Der panisch um positive Außenwirkung bemühte Hof lancierte kürzlich, die Königin würde die Genesung von David Beckhams Mittelfußbruch 'mit großem Interesse'verfolgen. Der Kapitän der englischen Nationalmannschaft trägt einen Irokesenhaarschnitt ­ no problem for Her Majesty . 'Wenn Punk heute aufkäme, würde nächste Woche eine Heimwerkerkette damit werben', schreibt das Magazin The Face.

Ein handfester Skandal würde die Kuratoren sicherlich freuen, aber die Bilder sind längst gestürmt. Der Gegendruck, den jede Jugendbewegung braucht, um relevant zu werden, weht gerade noch als laues Lüftchen in den Vororten Südenglands. An der Stadgrenze, spätestens im hippen Shoreditch, wo junge Leute in Medien- und Designfirmen vage Vorstellungen von Anarchie mit großer Routine in Slogans und Produkte verwandeln, ist er überhaupt nicht existent. Die Schau 'Viva la Republique!', die sich so sehnlichst zu der von Punk propagierten Anti-Nostalgie von 1976 zurück sehnt, passt sehr gut hier her. Man predigt zu den Bekehrten. Gute Unterhaltung: mehr ist nicht drinnen.